Warum Blogger niemals Journalisten ersetzen - und umgedreht...

Blogger und Journalisten - Weichen falsch gestellt

Quo vadis Journalismus vs. Blogger

 

Was ist schwarzweiß und total hinüber?

US-Talker Jon Stewart

 

Was wurde in diesem teilweise sehr emotional geführten Konflikt zwischen Bloggern und der vierten Gewalt im Staate, den Journalisten,  proklamiert, totgesagt, argumentiert, erörtert, nachgefragtmanifestiert, diskutiertabgemahntzusammengetragen, bestritten, dargelegt, debattiert, spekuliert, korrigiert und abgehandelt.

Etwas zögerlich greife ich das Thema wieder auf, nachdem ersten, eher einfach und sachlich gehaltenem Beitrag, der sich fast nur mit dem Niedergang der sog. Holzmedien befasste und weniger mit den Bloggern.

Unfreiwillig stellt sich die ernsthafte Frage:

Kann die Blogosphäre den investigativen Journalismus ersetzen?

Hierzu kann man exemplarische Fragen mit aktuellem Hintergrund stellen:

Wäre durch irgendeinen Blogger die Kunduz-Affäre an das Licht der Öffentlichkeit gekommen?

Hätte ein Blogger die Spende der Hoteliers an die FPD enttarnt?

Könnte ein Blogger die mitreisenden Profiteure unseres werten Außenministers aufzählen?

 

Wohl kaum.

Die Blogosphäre sieht sich gern in der Rolle von Wikileaks und bereits quasi als fünfte Macht etabliert, nur fehlen ihr dafür einfach die Hintergrundinformationen.

Warum?

Hier mangelt es schlicht an der nötigen Connection, Blogger sitzen für gewöhnlich vor dem Bildschirm und arbeiten von dort aus kritisch die vorgefertigten Meldungen und Darstellungen auf. Diese Arbeit weist hohen Stellenwert auf, da sie die teilweise vorherrschende und allgemein dominierende Hofberichterstattung und Regierungspropaganda zumindest in Teilen konterkariert.

Wenn sich die Bürger von der Presse vertreten gefühlt hätten, warum brauchte es dann politische Blogger, so könnte die Frage auch andersherum lauten.

Begünstigt durch die Krise des Journalismus erhielten die Blogger zeitweise eine hohe Aktzeptanz und gesteigerte Aufmerksamkeit. Dass dadurch im Durchschnitt qualitativ besserer Output entstanden wäre, kann man berechtigterweise bezweifeln. Unbestritten bildeten sich einige wirklich lesenswerte Seiten heraus, die zweifellos weiterhin einen wichtigen Stellenwert einnehmen werden.

Dazu zählen aus meiner Sicht (unvollständige Liste):
- carta.info
- www.spiegelfechter.com/wordpress/
- netzpolitik.org
- spreeblick.com
- netzwertig.com
- www.bwlzweinull.de
- www.blogpiloten.de
- lumma.de

Diese Blogs füllen exakt die Lücken aus, die durch den Konformismus und durch den Nachahmungszwang des etablierten Journalismus, der weitgehend nur noch ungefilterte Regierungspropaganda und PR-Phrasen wiedergibt, entstanden ist. Vielfach wird als Ursache der tiefen Krise der Printmedien angeführt, dass nun Inhalt und Werbung getrennt konsumiert werden können. Andersherum gesprochen, früher musste man die Werbung in der Zeitung mitkaufen, wenn man einen bestimmten Artikel lesen wollte.Heute separiert der Konsument, weil er die Möglichkeit dazu hat. Er kauft weder die Werbung und die anderen Artikel, sondern liest nur den Artikel, der ihn gerade interessiert - und das weitgehend kostenlos. So wird es ihm im Internet angeboten.

Somit leidet der Journalismus unter einem veritablen Finanzierungsproblem durch sinkende Abonnentenzahlen und wegbrechende Werbeeinnahmen. Fatalerweise brachte man das Boot selber zum Sinken, indem man kurz vor der Krise anfing, rein werbefinanzierte Billigblättchen umsonst zu verteilen, die nur ungefiltert Pressemeldungen abdruckten.

Als halbherzige Reaktion auf die sich in den USA abzeichnende elementare Krise bewirkte der Zeitungsjournalismus nur, den eigenen Stellenwert ökonomisch und qualitativ betrachtet weiter zu entwerten. Aus diesem Engpass heraus sank die Qualität und die Authenzität der Berichterstattung, der gesamte Berufsstand litt.

 

Nicht die äußeren Umstände seien Ursache für die Krise des Journalismus. Er krankt an Konformismus und Nachahmungszwang. Printmedien schauen TV, Fernsehmacher hören Radio und Radioleute lesen Zeitung.

David Pujadas

Die immergleichen Agenturmeldungen werden 1:1 abgedruckt und rezitiert. Damit erreicht man keine Leser mehr.

Nachplappern von Agenturmeldungen - wie<br />
ein Papagei

Journalismus heute - nachplappern von Regierungspropaganda und Agenturmeldungen

Was nun folgte, war in großen Teilen ein Journalismus des Gutmenschentums, langweilig, uninteressant, aber politisch meist korrekt. Die Glaubwürdigkeit wurde teilweise zugunsten des Voyerismus aufgegeben. Zuerst wurden Leute  heute beweihräuchert, morgen verunglimpft und übermorgen wieder in den Himmel gelobt. Darunter litt nachhaltig die Authenzität des Berufsstandes. Wer würde jemanden im Bekanntenkreis vertrauen, der nur auf einen Fehler wartet, um diesen dann gegen einen zu verwenden?

Redaktionen, bisher Brennpunkte intellektueller und kultureller Unruhe, bekamen die monetären Probleme zu spüren. Gründlichkeit, Neugierde und Qualität blieben teilweise auf der Strecke, mit ihnen der Realjournalismus. Thesen wurde mehr Gewicht geschenkt als den Tatsachen. Der Absatz indes brach weiter weg.

Journalismus tot

Journalismus - Totgesagte leben länger

Gleichzeitig bekamen ein paar bleichgesichtige Kellerkinder im Verlagshaus plötzlich einen Hype zu spüren. Während anfangs die eigene Webpräsenz eines Verlages in den Händen einiger weniger Geeks und Technikfreaks im Untergeschoß des Verlagshauses eher als Hobbyprojekt belächelt, gepflegt und kostenlos mit Inhalt aus den oberen Etagen versorgt wurde, stand man nun vor einem Phänomen, das so bisher nicht auf dem Radar der eigenen Strategen erschienen war.

Man hatte plötzlich viele Besucher auf den eigenen Internetseiten, konnte den Traffic jedoch nicht monetarisieren bei weiterhin drastisch fallenden Abonnementzahlen.

Der ehemalige Abonnent informierte sich nun über das Internet und las bereits am Vortag, was in seinem früheren Abo-Blättchen stand.

Ein wesentlicher Nachteil einer Zeitung ist der unumstößliche Fakt, dem aktuellen Geschehen einen Tag hinterherzuhinken. Ausgleichen könnte sie das nur, indem sie kritische und sachlich sauber recherchierte Hintergründe zu den Ereignissen liefert. Solange jedoch der Eindruck entsteht, man verkaufe Werbung mit ein wenig Inhalt von gestern, dürfte der Niedergang ungebremst weitergehen.

So fühlten  sich also Verlage vom Onlinebusiness überrumpelt, weil das schöne alte und durchaus bequeme Modell partout nicht mehr funktionieren wollte. Der bisher geneigte Leser blieb zumindest teilweise treu, und erfreute sich der nun erweiterten Funktionalität im Netz, wie dem Kommentieren und Diskutieren mit anderen Lesern über den Inhalt.

Gleichzeitig verfielen Teile der Verlagshäuser in eine Art Starre. Anstatt sich Gedanken über die Chancen der digitalen Veränderung zu machen, lamentierte man über die  aufziehenden Gefahren und verbarrikadierte sich hinter der Meinung, dass nur Paid Content die Lösung sein kann.

Sehenden Auges baut man nun eine finanzielle Barriere auf, um dem nötigen Publikum den Zugang zu erschweren.

Eine wirklich empfehlenswerte Sendung zu diesem Thema strahlte ARTE vor einiger Zeit aus. Dort zeichneten französische Journalismus-Größen ein sehr ehrliches Bild der Gründe für die Krise, von Schuldzuweisungen in Richtung Blogger keine Spur.

Journalismus - neuer Fokus nötig

Journalismus 2.0 - neuer Fokus auf alte Werte nötig

 

Wir drehen einer Welt den Rücken zu, die Wissen und Inhalte teilt und sich frei austauschen möchte.

Alan Rusbridger (The Guardian)

Ich kaufe die "WELT" nur noch am SA, auch nur wegen der "Literarischen Welt". Eigentlich könnte ich den Rest gleich in der Bahnhofsbuchhandlung entsorgen.

Kommentar aus einem Blog

 

[Der Kern des Problems könnte darin liegen], daß im Internet auf dem Gebiet der Informations- und Wissensindustrie eine Situation eingetreten ist, in der der Stand des technischen Fortschritts nicht mehr rückwärtskompatibel ist zum Prinzip des Privateigentums an den Produktionsmitteln.

Kommentar aus dem Heise Forum

Nehmen wir beispielsweise Programmiersprachen. Dokumentationen, standardisierte Algorithmen und Code-Snippets sind größtenteils völlig frei und kostenlos verfügbar. Theoretisch wird jeder befähigt, eigene Programme zu schreiben. Erst die  konkrete Implementation und die Qualität der Realisierung einer Idee zeichnet einen guten Programmierer aus. Nur das fertige und funktionierende Programm wird als Leistung anerkannt und entsprechend entlohnt. Kein Programmierer käme auf die abwegige Idee, seinem Kunden die nötigen Algorithmen zur Umsetzung einer Applikation um die Ohren zu schlagen und anschließend eine Rechnung zu stellen. Das wäre dann seine letzte in dem Job.

Solange Verlagshäuser ihr Business als Wiederholung von Agenturmeldungen und Regierungspropaganda aus dem Bundespressehaus verstehen, wird das Prinzip Paid Content scheitern müssen.

 

PR - ein Jahrmarkt der Eitelkeiten

Die kritische Situation in den Printmedien nutzte vor allem ein Berufsstand gnadenlos aus, die werten PR-Berater. Diese konnten ihrerseits geschickt Stories unterbringen, die ihren Auftraggebern, VIPs und Möchtegern-Promis "ala coleur" positive Publicity einbrachten, und ausgehungerten Journalisten scheinbar interessante Themen liefern. Nachrichten wurden zu einer Ware, nun wurden sie bereits passend aufbereitet den hungrigen Redaktionen fast frei Haus geliefert. Unnötig zu erwähnen, dass dies nicht die Qualität steigerte. Es steigerte nur eines, die Aufmerksamkeit auf einen kleinen Personenkreis, der sich die Berater leisten konnte. Damit lässt sich auch erklären, warum die heutige Berichterstattung nur noch auf einzelne Personen bezogen ist und Politiker wie Medienstars agieren. Gleichzeitig verloren die Akteure auf allen Seiten anscheinend den Bezug zur Realität und vertieften die Kluft zum Volk. Die Grenzen zwischen Journalismus, PR, Beratung, Beobachtung und Entertainment wurden unscharf. Die Journalisten gaben ihre durchaus ehrenwerte Rolle als weitgehend unabhängige Kontrollinstanz auf. Und diese versuchten nun einige Blogger mit einer Portion Idealismus auszufüllen - eine reine Ventilfunktion. Ein Umstand, der auch großen Namen der Branche, wie dem Spiegel irgendwie verborgen blieb - wie sie mit dem  umstrittenen Artikel "Beta-Blogger" * aus dem Jahr 2008 unter Beweis stellten.


Letzte Ausfahrt Crowdfunding - Social cents for digital stuff?

Ein durchaus interessanter Ansatz wird derzeit bei carta.info erprobt. Ob es sich um ein tragbares Modell für  handelt, müssen die Betreiber des Blogs beurteilen. Beim genutzten Service Kachingle bezahlt ein Leser pauschal 5 Euro im Monat. Diese kann er seinerseits frei auf für ihn interessante Blogs verteilen und in einer Übersicht nachverfolgen, wer wann welchen Betrag von ihm erhalten hat.

 

Fazit:

Der kritische und investigative Journalismus ist nicht tot. Er ist nötiger denn je angesichts der Lage. Kritische und sauber recherchierte Berichterstattung stirbt ebensowenig wie das politische Kabarett die Bühne und sein Publikum bestreiten wird. Blogger ergänzen das Gesamtbild und bereichern durch eigene Betrachtungswinkel die Medienlandschaft. Insofern sollte eher eine konstruktive Koexistenz das Ziel der künftigen Debatten sein. Der Journalismus sollte sich wieder auf die eigenen Grundwerte zurückbesinnen, Unabhängigkeit, Authenzität und kritische Berichterstattung ohne Rücksicht auf politische und/oder wirtschaftliche Interessen. Wie man eine kritische Wirtschaftszeitung betreibt  und trotz des Booms Richtung Internet erfolgreich bleibt, zeigt die NRC Handelszeitung aus unserem Nachbarland Holland.

 

* Ein Hinweis zum Artikel, in dem der Anschein erweckt wird, daß deutsche Blogger den amerikanischen Vorbildern nicht das Wasser reichen könnten. Die deutsche Presse versagte zum Glück in keiner Weise so erbärmlich, wie es die amerikanische in den Bush-Jahren 2001-2003 tat . Das wirkt in den USA nun als ein weiterer Brandbeschleuniger beim Niedergangs der Printmedien. 

 

Bildquellen: eigene Fotos aus 2009

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