Warum in vielen Firmen Wiki's veröden

Charles Bell: Anatomy of the Brain, c. 1802

(Quelle: Flickr brain_blogger)

Lange bevor der Begriff Social Media in Unternehmenskulturen und das allumfassende Internet einzog, versuchten Unternehmer das Wissen ihrer Mitarbeiter innerhalb des Unternehmens abzugreifen. Dahinter verbarg sich zum einen die auch heute latent vorhandene Gefahr des Verlustes durch einen  Brain-Drain  - durch das Abwandern wichtiger und vorher geförderter Mitarbeiter - und zum anderen die Chance, Wissen  und Informationen auf Dauer innerhalb eines Unternehmens zu manifestieren, den Zugang für andere zu ermöglichen und das Potential dieses Wissens nachhaltig zu mehren.

Der fundamentale Akt von Freundschaft unter denkenden Wesen besteht darin, einander etwas beizubringen und Wissen gemeinsam zu nutzen. Dieser gute Wille, die Bereitschaft, unserem Nächsten zu helfen, ist genau das, was die Gesellschaft zusammenhält und was sie lebenswert macht.

    – Richard Stallman

 

Ich kenne noch die Zeit relativ autark gestalteter Intranets, in denen die Möglichkeiten der Webtechnologie noch ausgelotet wurden. So betrieb ich Anfang 2000 an der damaligen Geschäftsführung vorbei einen eigenen Webserver. Dieser enthielt relevante Inhalte zum betreuten Fachgebiet und eigene Planungshilfen, ein erster Versuch, die persönliche Reputation "hintenherum" zu steigern. In vielen Unternehmen herrscht unter Mitarbeitern ein gewisses Konkurrenzdenken, jeder Vorteil durch ein erworbenes "Inselwissen", z.B. durch besondere Spezialisierung  Kompetenz in einem Fachgebiet aufzubauen und/oder herausragende Sortimentskenntnisse festigten die eigene Position in der sozialen Struktur und brachte Vorteile in der vorhherschenden Hierarchieordnung. Das Teilen dieses Wissens erfolgte nur bei entsprechendem Gegenwert. In einer Informationsgesellschaft, wie sie heute propagiert wird, stellt das Wissen und die Fähigkeiten eines Individuums eine nicht zu vernachlässigenden Bemessungsgrundlage dar - an der sich eben ihr aktueller Marktwert festmachen lässt. Folglich wirkt auf den ersten Blick das Teilen des mühsam erworbenen Wissens für Einzelne konträr zur eigenen Reputation. Das geschaffene Wissen muss angewendet werden, um einen Nutzen für ein Unternehmen zu generieren. Die bloße Existenz schafft keinen Mehrwert.

Probleme im Wissensmanagement

  • Wissen meist an einige wenige Mitarbeiter gebunden
  • Zeitknappheit
  • Unkenntnis über Wissensbedarf
  • "Wissen ist Macht" - und zwar meine
  • fehlender Anreiz zum Teilen
  • mangelhafte Transparenz (was bringt das Teilen)
  • zu hohe Mitarbeiterspezialisierung
  • mehrere, konkurriende Wissensspeicher (Groupware, Dateiablage, Wiki etc.)
  • keine klaren Nutzungsregeln
  • keine oder mangelhafte Beteiligung der Geschäftsführung 

Tatsächlich scheint insbesondere erst ein ziemlicher Druck zum Umdenken zu führen, wie das Beispiel Synaxon anschaulich zeigt. Das Unternehmen stand kurz vor dem wirtschaftlichen Ruin und wurde zum Umdenken in den Wiki-Way gezwungen.

Es reicht folglich nicht, den "Linuxer" im Unternehmen zu beauftragen, schnell mal ein Wiki ins Intranet zu stellen und dann auf den Erfolg zu warten. Wenn nicht mal die Geschäftsführung oder der Unternehmer weiß, welchen Zweck und welches Ziel  damit verfolgt wird, besteht auch für Angestellte kein Anreiz zum Mitmachen. Mir fallen immer mehr solche lieblos "hingeklatschten" Versuche auf. Ohne jegliche Vorgaben  für Mitarbeiter oder der Existenz von Social Media Guidelines werden Wiki's installiert (teilweise mit Anmeldepflicht am System, was dem eigentlichen Ansatz eines Wiki's völlig widerspricht) , in der Hoffnung, da tue sich etwas. Wenn man in der Führungsebene nachfragt, hat niemand auch nur eine Seite des Systems in der Beobachtungsliste und kann die Anzahl der geschaffenene Beiträge beziffern. Wie man an diese Stelle kommen könnte, weiß meist auch keiner. Als letzter (Wieder)Belebungsversuch wird dann der Praktikantin ein Buch über Wiki's gekauft, obwohl man im Nebensatz erwähnt, dazu hätte sie vermutlich eh keine Zeit.

Was kann man besser machen

  • ROI analysieren*
  • klare Regeln und Vorgaben zum Inhalt
  • Anreize schaffen z.B. durch ein Belohnungssystem
  • starke, federführende Beteiligung durch Führungsebene
  • Mitabeiter ein Zeitkontingent zur Beteiligung vorschreiben
  • Kritiker früh ins Boot holen
  • Akzeptanzprobleme ausräumen statt aussitzen

* manchmal lohnt aufwändiges Dokumentieren nicht, wenn einmal verwendbares Wissen besser über ein Telefonat o.ä. verbreitet werden kann

 

Fazit

Lieber gar kein Wiki als ein halbherzig eingeführtes und dann an mangelnder Beteiligung zur Einöde verdammtes System. Wer sich nicht sicher ist, wie er es angeht sollte sich belesen oder professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Wichtig ist wie immer eine genaue Zieldefinition und eine ausgereifte Konzeption, die nicht zwischen Tür und Angel beim Mittagessen entstanden ist.

Weiterführende Literatur  & Quellen

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